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Archive for July, 2006

Wieder auf Fixerjagd

July 23, 2006 Leave a comment

Wir schreiben Samstag, den 22. Juli 2006. Es ist 23:00 Uhr, und es sind immer noch 27 Grad draußen. Es ist ordentlich stickig im Haus. Gestern Abend sind wir schon in das Gästezimmer im Erdgeschoss umgezogen, da es unter’m Dach kaum noch auszuhalten war. Es ist in unserem Schlafzimmer nachts genauso heiß wie tagsüber draußen: 33 Grad.  

Putz die schöne Schimmelstute war auch nicht sehr animiert heute. Wir sind zeitlupenmäßig durch den Wald gezockelt. Nur ein im Gesicht sehr roter Jogger kam uns auf unserem Ausritt entgegen. Selbst von den quirligen Streifenhörnchen, die sonst oft rasant und quietschend unseren Weg kreuzen und uns einen Schreck einjagen, wenn wir beide so verträumt unseren Gedanken nachhängen, war nichts zu sehen heute.

Gegen Abend haben wir drei Stunden in unser nächstes Hausprojekt investiert. Wir sind wieder auf Fixer-Jagd. So nennt man die verrotteten Gebäude, die komplett saniert werden müssen, bevor sie wieder (von Menschen) bezogen werden können. Oft wohnen zwischenzeitlich andere Bewohner drin (Seattle hat viele Ratten). Am besten gefiel mir heute eine alte Kirche. Das Gebäude liegt direkt an einem Stadtpark mit bewaldeter Schlucht am Lake Washington. Diese Kirche selbst ist eigentlich nur ein größerer rechteckiger Bau mit hoher Zimmerdecke und einem Riesenfenster vorne, das man in ein sehr cooles Künstlerstudio mit Wohnklo verwandeln könnte. Momentan wird aber noch gesungen und gebetet da drinnen, deswegen auch keine Besichtigung am Sonntag.

  

Mit dem Ding könnte man jedenfalls was anfangen, das steht fest. Ende Juni haben wir gerade unser letztes Projekt verkauft. Das war eine schnuckelige kleine 2-Zimmer-Hütte im Craftsman-Stil auf Queen Anne. Seattle hatte einen späten Goldrush Heyday in den 20-er Jahren, daher gibt’s aus der Zeit noch wahnsinnig viele zum Teil unangetastete Originale. Diese Kirche hat auch noch nicht viel Renovierung erlebt…

Hier einige Vorher, Zwischendrin und Nachher Fotos unseres letzten Fixers:

  

  

  

  

Naja, schau’n wir mal, was uns als nächstes Projekt über den Weg läuft. Die Wohnraumknappheit in Seattle ist schon ziemlich extrem, besonders was Einfamilienhäuser im Stadtgebiet betrifft. Die gehen weg wie warme Semmeln, selbst wenn man noch monatelang Arbeit und haufenweise Kohle reinschaufeln muss. Deshalb kann man ab und zu gut mal ein solches Projekt durchziehen – als Investition und kreatives Outlet.

 

Was gibt’s sonst noch Neues? Geburtstag ist überstanden (alles gut gegangen und auch noch keine midlife crisis), Führerschein verlängert (alle fünf Jahre muss man hier auf’s Amt für einen kurzen Sehtest und ein neues Foto; das Mistding läuft immer gerade am Geburtstag ab). Als Gerry mein neues Führerscheinverbrecherfoto begutachtete lachte er kurz auf: „Like a deer in the headlights!“.  So soll es ja auch sein, damit andere was zum Lachen haben.

 Inzwischen ist schon Sonntag, der 23. Juli 2006, 0:18 Uhr, und ich werde mich jetzt in die Schräglage hauen. Gerry kommt gerade um die Ecke und fragt: "Are you showing people our projects?" Ich: "Yes". Gerry: "Are you also telling everybody what kind of a sexy construction worker I am?"

 

Yes.

 

 

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Categories: Hausprojekte

Sequim und Deutschland gegen Portugal

July 8, 2006 Leave a comment

Es ist Samstag, der 8. Juli 2006, 23 Grad Celsius. Wir schaffen’s sicher noch bis 30 Grad heute. Knallblauer Himmel, Sonne, leichter Wind – bestes Nordwestsommerwetter. Deutschland spielt gerade gegen Portugal um den dritten Platz. Steht noch 0:0 im Moment, ich guck nur halbherzig zu.

Im letzten Jahr zu dieser Zeit waren wir ein Wochenende in Sequim auf der Olympic Peninsula, eine ca. 2-stündige Fähren- und Autofahrt von Seattle entfernt. Zuerst mit der Fähre von Downtown Seattle nach Poulsbo und dann Richtung Nordwesten via Landstraße. Wunderschönes kurviges und waldiges Gelände. Wäre bestens zum Motorradfahren geeignet.

Ok, jetzt hat Schweinsteiger gerade das erste Tor geschossen, 1:0 für Alemania! Ist übrigens sehr amüsant, wie die amerikanischen Moderatoren seinen Namen aussprechen. „Schwaainstaaigor“. Jetzt brüllt der Moderator noch: „What a fantastic strike!“. Ich schau mir kurz die Wiederholung an – das Publikum hat sich in einen johlenden und fahnenschwingenden Hexenkessel verwandelt.

Zurück zum Thema. Das Haus der Lorigs in Sequim liegt direkt am Wasser und zwar an der Dungeness-Landzunge. Man kann wunderbar auf der Zunge spazieren gehen – vorbei an verrottenden Booten und alten Fischerhäusern.

 

 Wow, ich krieg meinen Sequim-Artikel ja kaum fertig heute, Schwaainstaaigor hat gerade das zweite Tor reingeknallt – nur Minuten nach dem ersten. Ein portugiesischer Spieler hat ihm noch etwas dabei geholfen – sah aus wie ein Eigentor. Wie unangenehm! Das Publikum singt jetzt eine anspornende Olé-Olé-Hymne mit Händeklatschen zwischendrin. Was ist das bloß für’n Text? Ich muss das mal kurz etwas recherchieren.

Deutschlandfunk erklärt: "Du bist Deutschland! Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern. Er lässt Deinen Lieblingsstürmer schneller laufen."

Und der Tagesspiegel schreibt unter dem Motto Besser singen lernen folgendes: „Die Sportfreunde Stiller sind die deutsche Fußballband schlechthin. Benannt nach ihrem Jugendtrainer, gespalten in der Zuneigung zu beiden Münchner Vereinen, hatten sie bereits vor Jahren angekündigt, einen WM-Song zu schreiben. Und siehe da, das Sportfreunde-Lied „54, 74, 90, 2006“ wird von den Fans in den Stadien fleißig gesungen.“

Der Kölner Stadtanzeiger meint, wir haben es mit einer heiteren Republik zu tun: „Party und Patriotismus. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft sind die Deutschen gut drauf. Fußball ist Feiern und Singen. Möge also die selbstbesoffene Zeit der wunderbaren schwarz-rot-goldenen WM-Gastgeberei möglichst lange währen. Selbst das sonst so gestrenge Ordnungsamt der Stadt Köln zeigt sich flexibel und lässt eine Straße gesperrt, die nach Bauarbeiten eigentlich wieder freigegeben werden müsste, damit die Italiener dort weiter mit ihren Stühlen auf der Fahrbahn sitzen und WM gucken können. Und weil alles seine Ordnung haben muss, wird das Verwaltungsdeutsch dafür eigens um einen Fachbegriff erweitert: die „nachempfundene Baustelle“.

 Schweinsteiger hat jetzt flugs noch einmal zugeschlagen – 3:0 für Deutschland. Also hat das Publikum inzwischen wirklich allen Grund zum Singen. Aber eigentlich wollte ich doch wissen, WAS GENAU gesungen wird…

Wissenschaft im Dialog schreibt, dass das Repertoire der deutschen Fans zwischen 30 und 50 Liedern umfasst. „Meistens werden nur Teile eines bekannten Liedes übernommen und mit eigenen Texten gesungen. Die Melodie der Zeile „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“, etwa ist dem Refrain des Beatles-Liedes „Yellow Submarine“ entnommen. Typische Fanlieder zeichnen sich durch Kürze und Prägnanz aus. Charakteristisch ist auch der geringe Tonstufenumfang, mit dem selbst ungeübte Stimmen nicht überfordert sind. Einfache Klatsch- oder Trommelrhythmen erhöhen die Bereitschaft zum Skandieren und Singen.“

Olé olé olé olé…  Huch, jetzt hat Portugal gerade einen klasse Kopfball reingetan. Trotz allem johlen die Deutschen weiter…

„Im Vergleich zu Sportarten wie Handball oder Basketball gibt es beim Fußball nicht viele Torschusssituationen. So bleibt den Fans dazwischen genügend Zeit, ihren Emotionen vokal freien Lauf zu lassen und Gesänge oder Klatschrhythmen aufzubauen.“

Nun wissen wir das auch.

Sequim selbst liegt an einem „spit“, keine Ahnung, was das auf deutsch heißt. Irgendso’ne bestimmte Art Landzunge. In der Sprache des S’Klallam-Stammes bedeutet S’Kwim stille Wasser. Es ist wirklich traumhaft schön hier.

 

Nach einer einstündigen Wanderung wird auf der Veranda gegammelt.

 

Genug für heute! Ich werde mich jetzt in meine Reithose werfen und Miss Putz besuchen – wie jedes Wochenende. Die Madame werde ich Euch auch in Kürze vorstellen.

Ersma – T.

 

 

Categories: Seattle

Burnout Revenge und Team Penning

July 1, 2006 Leave a comment

Es ist Freitagabend, der 30. Juni 2006. Ich bin etwas geschwächt von der Woche und der Wärme – es hängen 30 Grad Celsius in Form von abgestandener Luft unter der Schlafzimmerdecke im Moment, und die allgemeine Arbeitswoche war auch eher anstrengend. Außerdem fing es heute Morgen schon spannend an: Elfmeterschießen zwischen Deutschland und Argentinien, das mussten wir direkt im Büro via live feed gucken. Elfmeterschießen konnten die deutschen Mannen schon immer, gute Nerven.

Heute möchte ich ein wenig über die wunderbare Welt der Computerspiele philosophieren! Für diejenigen von Euch, die das schon wieder vergessen haben: Seit letztem Jahr betätige ich mich in der Xbox und Windows Gaming Division bei Microsoft. Auf meine alten Tage hampel ich mich nun mit Videospielen ab, eigentlich unfassbar, aber bisher soweit ganz spaßig. Unser Produkt – XNA – werde ich zu einem späteren Zeitpunkt kommentieren, da es dazu momentan noch keine erwähnenswerten Stories gibt.

Lustig dagegen war folgendes diese Woche: In der wunderschönen Seattle Benaroya Hall (Symphonie) fand die Seattle Casual Game Conference statt. Casual Games sind so kleinere oft ziemlich alberne Computerspiele (Puzzles und so Zeug), mit denen man auf der linken Arschbacke etwas Zeit totschlagen kann. Auf der Webseite von Big Fish Games gibt’s Beispiele dafür. Jedenfalls war da eine dreitägige Konferenz für Entwickler und Publisher solcher Spiele, und wir sind da auch ganz vergnügt hingetrabt am Donnerstag, dem „Entwicklertag“ des Programms. Ach Du großer Gott, absolut grottenschlecht. Fürchterlichste Präsentationen von Leuten, die kaum auf dem Laptop die Taste finden konnten, um ihre PowerPoint-Präsentation auf die nächste Seite zu avancieren. Aber das beste war noch, als ein Entwickler von HipSoft ganz toll demonstrierte, dass sie jetzt ihr Spiel „Gem Shop“ auch auf holländisch anbieten. „Yes, it’s great, with our new resource system, we can quickly localize into other languages, like this Dutch version.“ Schwupp – der Beweis auf der Riesenleinwand: Die holländische Version. Komischerweise alle Wörter auf deutsch. Lieber Universaldilettant als Fachidiot, oder wie war das noch? Naja, wahrscheinlich hat’s außer mir keiner gemerkt.

Da lob ich mir doch die echten Indie-Entwickler, wie zum Beispiel Jon Fujioka, ein Ex-Microsoftee, der in seiner Freizeit inzwischen recht lustige Spiele zusammenschustert, wie dieses absolut coole Rinderherdeneintreibspiel „Team Penning“. Geht mal auf die Webseite und guckt Euch den Videotrailer an.  Sabine, Maike und Claudia: Glaubt mir, es lohnt sich.

 
Immer wenn ich mal schlechte Laune bei der Arbeit hab und denke, dass ich mit Computerspielen durch bin und lieber wieder in die wunderbare Welt von Visual Studio oder Windows oder Office zurückkehren täte, dann guck ich mir dieses Video an, und schon ist der Seelenfrieden wieder hergestellt. Zugeben muss ich jedoch, dass ich das Spiel noch nicht installiert und gespielt habe. Mir reicht der Trailer. Allein schon die Musik!  Gerry meinte das wäre ein Emerson, Lake and Palmer rip-off. Könnte sein, aber da mir diese Kapelle nur vom Namen her bekannt ist, kann ich das nicht bestätigen.

Seit November nenne ich ja auch eine schicke Xbox 360 mein Eigentum. Eine feine kleine Kiste, kann man nicht anders sagen, auch, wenn man eigentlich nicht besonders auf Spiele steht. Besonders gut gefällt mir das Xbox Live Feature. Allerdings hab ich länger suchen müssen, bis ich mal ein Spiel auch spielenswert fand: Burnout Revenge. Ein Autorennen, bei dem man anderen Verkehrsteilnehmern voll in die Seite oder hintendrauf brennen muss. So oft und so doll wie möglich. Das gibt extra Punkte und macht Laune. Die Grafiken sind gut, und das Spiel ist insgesamt wirklich klasse gemacht. Wenn man sich tagsüber stundenlang mit nervigen Leuten abgegeben hat, dann bietet es abends vor’m Zubettgehen ein gutes Abreagierventil. Der Soundtrack ist auch passabel – zumindest muss man den Ton nicht sofort panisch abstellen (wie bei den meisten anderen Spielen).  

    

So, genug für heute! Es ist übrigens mal wieder ein verlängertes Wochenende – am 4. Juli ist hier Independence Day mit Riesenfeuerwerk und so. Da das am Dienstag ist, nimmt man sich Montag vorsichtshalber frei. Man weiß ja nie.

Dickste Grütze an Euch Alemannen! Bis in Kürze. T.

 

Categories: Videospiele